Gründung und Aufgaben des Ordens

Am 6. März 1617, unterzeichnete Papst Paul V. ein Breve, das mit den Worten „Ad ea per quae“ begann. Es ist das offizielle Gründungsdokument der „Paulinischen Kongregation von den Frommen Schulen“, aus der vier Jahre später der Ordo Clericorum Regularium Pauperum Matris Die Scholarum Piarum (Ordenskürzel SP) entstand.

Schon im ersten Absatz betont der Papst, „daß er mit diesem Breve wünsche, daß das fromme und lobenswerte Werk des Unterrichts und der Erziehung der armen Kinder täglich mehr zur Ehre Gottes gefördert werde”, und zurückkommend auf die Idee selbst: „da wir wünschen, daß dieses fromme und nützliche Werk für die christliche Erziehung und den Unterricht vor allem der armen Kinder keinen Schaden erleide …” Bezüglich der genauen Definition des Zieles und Zweckes der neuen Kongregation sagt er: „Die in sie einzutreten wünschen, werden für den Unterricht der Kinder in den Grundfächern Latein, Rechnen und vor allem den Prinzipien des katholischen Glaubens arbeiten und alle ihre Kräfte einsetzen, um diesen Gottesfurcht und fromme Sitten beizubringen und sie unentgeltlich – ohne Gehalt, Lohn, Honorar – christlich zu erziehen.”

Weder im schriftlichen Entwurf noch im Breve selbst gibt es eine Einschränkung, dass ausschließlich arme Kinder unterrichtet werden sollen, die ihre Armut durch eine Bestätigung des Pfarrers nachzuweisen haben. Dennoch wird im Gründungsbreve ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Werk der Frommen Schulen für die armen Kinder errichtet wurde und seine erzieherische Aufgabe hauptsächlich diesen zugutekommt. Damit standen die Türen der Frommen Schulen seit dem Tag der offiziellen Gründung allen Kindern, armen und reichen, vorwiegend jedoch den armen, offen.

Im Breve wird auch von den drei einfachen Gelübden sowie der „äußersten” Armut gesprochen, sowohl persönlich als auch in der Gemeinschaft; von zwei Jahren Noviziat; in allen Häusern, die gegründet werden, müsse es Schulen geben, außer in den Noviziaten. Ausdrücklich wird P. Josef Calasanz zum Generalsuperior der neuen Kongregation mit Zustimmung des Papstes bestimmt und mit allen Vollmachten ausgestattet, Konstitutionen, Regeln, Statuten und jede Art von Gesetzen und Dekreten zu erlassen.

Die Umwandlung von der Kongregation zum Orden der Frommen Schulen wurde 1621 von Papst Gregor XV. genehmigt. Die Piaristen legen außer den drei für alle Orden verpflichtenden Gelübden noch ein viertes ab: die Verpflichtung zum Schuldienst. Den ersten Schulen in Rom und im engeren Umkreis von Rom folgten Gründungen in weiten Teilen des heutigen Italien. Bald schon kamen auch Anfragen von weiter her, vor allem aus den habsburgischen Ländern. 1625 gab es Bestrebungen, die Piaristen nach Wien an die Schule von St. Stephan zu holen, aber die Jesuiten intervenierten erfolgreich dagegen. Bis zur Gründung der Piaristenschulen war der Jesuitenorden der wichtigste Betreiber von Bildungsinstituten und sperrte sich gegen die „Konkurrenz“ des neuen Ordens. Dabei kamen Jesuiten und Piaristen zumindest in den ersten Jahren bis Jahrzehnten in ihren jeweiligen Bildungsaufträgen einander nicht in die Quere. Die Jesuiten betrieben höhere Schulen für eine wohlhabende Elite und hatten Latein als Unterrichtssprache. Die Piaristenschulen widmeten sich mit wenigen Ausnahmen (Collegium Nazarenum in Rom, Fürstenschule in Florenz) dem Elementarunterricht für die unterprivilegierten Klassen in der Landessprache.

Nikolsburg/Mikulov

Das erste Piaristenkollegium nördlich der Alpen wurde 1631 in der mährischen Kleinstand Nikolsburg gegründet, die bis 1918 im habsburgischen Österreich lag, heute Mikulov und in der Republik Tschechien. Die Herrschaft Nikolsburg gehörte damals dem 1624 von Kaiser Ferdinand II. zum erblichen Reichsfürsten erhobenen Franz Seraph von Dietrichstein, Bischof von Olmütz und Kardinal. Der österreichische Adelige wurde 1570 in Madrid geboren, wo sein Vater kaiserlicher Botschafter war, seine Mutter Margarete war Spanierin, die Tochter des sardischen Vizekönigs Antonio Folche Duque de Cardona. Kardinal Dietrichstein war ein getreuer Gefolgsmann von Kaiser Ferdinand II. und betrieb aktiv die Rekatholisierung des protestantisch gewordenen Mähren. In Nikolsburg ließ er eine höhere Schule errichten, die an eine Akademie für den Adel angeschlossen war, die Lauretanum hieß. Leiter war Msg. Juan Baptista Gramay, der bereits 1625 in Wien über die Berufung von Piaristen in die kaiserliche Residenzstadt verhandelt hatte. 1630 schrieb er an Josef Calasanz nach Rom:

„Verehrtester Pater, sicherlich werden Sie sich erinnern, daß ich Ihnen vor fünf Jahren mitteilte, daß ich, wie es den Anschein hatte, mit Genehmigung des P. Provinzials und des Rektors der Jesuitenpatres von Wien wegen der Einführung der Patres Ihres Ordens in der Schule von St. Stephan verhandelte. Während ich diese Angelegenheit für positiv erledigt hielt, da ich die Zustimmung der Stadtverwaltung hatte, ließen die Jesuitenpatres durch die Intervention des Kaisers dieses Vorhaben scheitern. Vor etwa drei Jahren kam ein Geistlicher, der sich als ein Mitglied Ihres Ordens ausgab, (später erfuhr man, daß er es nicht war) und besuchte Fürst Kardinal Dietrichstein, Bischof und Landesherr dieser Provinz, mit dem vereinbart wurde, daß Ihre Patres in die Stadt Nikolsburg (seinen Wohnsitz) kommen sollten, in der Ihnen ein geeigneter Platz zugewiesen würde. Besagter Geistlicher verschwand jedoch, nachdem er eine ansehnliche Summe Geldes erhalten hatte.“

Das Auftauchen des Schwindlers in Nikolsburg hatte jedoch Kardinal Dietrichstein an Josef Calasanz und die Frommen Schulen erinnert, die er in Rom kennengelernt hatte. Aus dem Brief Gramays geht hervor, dass auch die Jesuiten Interesse an einer Schule in Nikolsburg hatten: „Auch wenn die Patres der Gesellschaft Jesu den großen Wunsch hegen, hier eine Schule zu errichten, so ziehen sowohl der Fürst als auch ich selbst aus triftigen Gründen die Patres Ihres Ordens vor.“

Horn

Kollegium, Schule und Kirche der Piaristen in Horn im Waldviertel sind die älteste Gründung des Ordens auf dem Boden der heutigen Republik Österreich. Auch diese Gründung ist vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Kriegs und der religiösen Auseinandersetzungen dieser Zeit zu sehen, aber auch des Konflikts zwischen Kaiser Rudolf II. und seinem Bruder Matthias. Der Kaiser lebte in zunehmender Selbstisolierung in Prag und hatte keine legitimen Nachkommen. Die anderen Angehörigen des Hauses Habsburg übten Druck auf ihn aus, die Nachfolge zu regeln und wählten Erzherzog Matthias zu ihrem Wortführer. 1606 erklärten sie Rudolf für geisteskrank und Matthias zum Familienoberhaupt und strebten die Absetzung des Kaisers an. Matthias hatte die nieder- und oberösterreichischen Stände hinter sich und zog mit einem Heer gegen Prag. Die böhmischen Stände blieben aber dem Kaiser treu, und so sah sich Matthias gezwungen, sein Unternehmen abzubrechen. 1608 legten Kaiser Rudolf II. und Erzherzog Matthias in einem Vertrag die Aufteilung der Macht fest: Matthias erhielt Nieder- und Oberösterreich, Mähren und Ungarn. Zu seiner Anerkennung als Landesherr brauchte er jedoch die Huldigung der Stände, die in ihrer Mehrheit protestantisch waren. Üblicherweise garantierte der Landesherr die Rechte und Privilegien der Stände im Vorfeld. Matthias versuchte, diese Reihenfolge umzudrehen und geriet damit in einen Konflikt mit dem weitgehend protestantischen Adel Niederösterreichs. In Horn versammelten sich 166 Adelige und schlossen den so genannten Horner Bund, um ihren Forderungen an Matthias Nachdruck zu verleihen. Erst als ihnen ihre Rechte, auch das der Religionsfreiheit, garantiert wurden, leisteten sie den Treueid. Der Bund blieb bestehen, bis er nach Beginn des Dreißigjährigen Kriegs und der Eroberung von Horn durch den kaiserlichen General Charles Bucquoy gewaltsam aufgelöst wurde. Die protestantischen Adeligen wurden enteignet, und Horn gelangte in den Besitz des kaiserlichen Hofkammerrats Freiherr Vinzenz Muschinger. Nach seinem Tod erbte sein Schwiegersohn Graf Ferdinand Sigismund Kurz von Senftenau die Herrschaft Horn.

1641 fasste Graf Kurz den Plan, Jesuiten nach Horn zu holen, um der Rekatholisierung Schwung zu verleihen. Die Bürgerschaft forderte er auf, zu diesem Zweck jährlich hundert Taler beizusteuern, ein Haus für die Patres zu errichten, das bestehende Armenhaus im Bürgerspital in ein Kollegium umzubauen und die Insassen bei sich zu Hause aufzunehmen.
Verständlicherweise weigerten sich die mehrheitlich protestantischen Horner, diese Forderungen zu erfüllen. Sieben Jahre später versuchte es Graf Kurz nochmals – diesmal mit dem Franziskanerorden. Wieder sollte das Bürgerspital als Kollegium dienen, und wieder wurde dieser Wunsch abgelehnt, da das Gebäude ausdrücklich zu dem Zweck gestiftet war, Arme unterzubringen.

„Als nun auch dieser Plan mißlang, beschloß endlich der Graf im Jahre 1656 Piaristen aufzunehmen, und fertigte, nachdem auch die Bürgerschaft sich herbeigelassen hatte, einen jährlichen Beitrag zu ihrer Subsistenz zu verabreichen, am 11. März 1657 hierüber den Stiftungsbrief aus, der auf zwölf Individuen lautete und deren ganzes bestiftete Einkommen in Geld und Naturalien, nach dem damaligen Werthe berechnet ein tausend drei hundert vierzig Gulden und dreißig Kreuzer beträgt, welches sie theils von der Herrschaft, theils vom Spitale erhalten, und zwar von letzterem darum, weil sie sich verbindlich machten, täglich in der Spitalkirche eine heilige Messe, statt des früher dort bestandenem Beneficiaten, zu lesen. Die wirkliche Einführung dieser Geistlichen erfolgte am 9. April 1657. Bald hiernach, und zwar im Jahre 1661, schenkte ein ungenannter Wohltäter dem Kloster vierhundert Gulden, davon die Interessen zu ewigen Zeiten zur Erhaltung des ewigen Lichtes in ihrer Kirche verwendet werden sollen, auch erfolgten zu verschiedenen Zeiten einige andere Stiftungen“. („Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Enns“ (Schweickart, Franz Xaver, 1839)

Ein besonders wertvolles Geschenk kam von Graf Kurz selbst, seine private Bibliothek, mit der Auflage, dass sie nicht aus Horn weggebracht werden dürfe und dass die Erben des Stifters das Recht haben sie zu benützen. Die Bibliothek mit ihren wertvollen Beständen gehört heute dem Land Niederösterreich und umfasst ca. 5.500 Bände. In dem 1733 fertiggestellten Schulgebäude fanden in einem eigenen Theatersaal Vorstellungen statt. Ähnlich wie das Jesuitendrama diente auch das Piaristentheater zur Durchsetzung der Gegenreformation. Die Stücke behandelten antike und biblische Stoffe. 1827 wurde die Stadt Horn von einem Großbrand heimgesucht, dem auch Kirche, Schule und Kollegium der Piaristen zum Opfer fielen: Dabei „…ist das dortige Piaristen-Collegium beinahe ganz eingeäschert worden. Nicht nur die Dachung dieses weitläufigen Gebäudes hat die Flamme verzehrt, auch die Mauern sind dergestalt verwüstet worden, daß der zweite Stock gänzlich ausgebrannt da steht, und durch seinen Einsturz auch das erste Stockwerk zu vernichten droht. Durch diesen Umstand wurde ein Theil der Schulzimmer gänzlich unbrauchbar gemacht, die Bibliothek vernichtet und Alles, was zum Behuf der Ausbildung  für die Jugend von dem Piaristen-Collegium angeschafft wurde, durch der Flamme Wuth entrissen. Der Brand war so gräßlich, daß nicht einmal die Kirche verschont geblieben; unter schrecklichem Getöse stürzte der Thurm hernieder, die Glocken schmolzen; überall schauderhafte Verheerung. Die Geistlichen sind nun ohne Obdach; sie leben zerstreut von der Wohlthat mitleidiger Menschen; zwar sind die Schulen bald nach dem Brande wieder eröffnet worden,
aber die Fortdauer derselben, so wie die Existenz des Collegiums, schwebt in großer Gefahr, da sein Vermögensstand nicht ausreicht, sich in Horn ferner zu erhalten.“ (Der österreichische Beobachter, 1827)

Dank Spenden konnten Schule, Kollegium und Kirche wieder aufgebaut werden. In Horn wirkte auch der vielleicht bekannteste Dichter aus dem Piaristenorden, Joseph Misson. Er kam 1803 in Mühlbach am Manhartsberg zur Welt, wo sein Geburtshaus heute als Museum zu besichtigen ist, trat 1823 als Novize in den Orden ein und wirkte als Lehrer in den Piaristenschulen in Horn, Krems, Wien-Josefstadt und Wien-Wieden. Dort, in St. Thekla; lebte er von 1854 bis zu seinem Tod 1875 als Bibliothekar, da er wegen zunehmender Schwerhörigkeit den Lehrerberuf nicht mehr ausüben konnte. In St. Thekla arbeitete er auch an dem Werk, durch das er in der Welt der Literatur noch heute bekannt ist: das Versepos „Da Naz, a niederösterreichischer Bauernbui, geht in d‘ Fremd“. Die ersten acht Gesänge wurden 1850 veröffentlicht, fertigstellen konnte Mission sein Werk nicht. In der strengen Form des antiken Hexameters vermittelt das Epos ein reizvolles Bild der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Missons engerer Umgebung, dem westlichen Weinviertel. Es ist auch ein einzigartiges Zeugnis für die heute fast ausgestorbene so genannte Ui-Mundart in Niederösterreich.

Das Piaristengymnasium in Horn wurde 1872 der Stadt übergeben, weil der Orden mit der Reform der Schulgesetzgebung nicht einverstanden war. Danach waren im Kollegium nur noch ein Internat und ein Juvenat untergebracht.

Krems

Die Stadt Krems war Ende des 17. Jahrhunderts fast vollständig protestantisch. Auf Anregung des päpstlichen Nuntius in Wien, der sich um die Gründung einer Niederlassung der Jesuiten bemühte, begannen diese 1586 in der damals unbenutzten Liebfrauenkirche zu predigen. Der Druck der Gegenreformation wuchs und brachte 1589 die protestantischen Bürger dazu, sich gegen die Obrigkeit zu erheben. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, und die Stadt verlor alle bisher erhaltenen Privilegien. Der zum Katholizismus übergetretene Graf Michael Adolf von Althan erwirkte 1616 die Übergabe der Liebfrauenkirche an die Jesuiten. Nur der Kirchturm blieb als Glocken- und Wachturm im Besitz der Stadt. Gleichzeitig ermöglichte er durch Schenkungen den Bau des Kollegiums und der Schule. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens (1773) fielen Gebäude und Güter des Kremser Kollegiums in die Hand des Staates. 1776 wurden auf Wunsch von Kaiserin Maria Theresia Kirche und Kollegium den Piaristen überlassen, die dafür ihr 1752 in St. Pölten errichtetes Kollegium mit Gymnasium aufgaben. In der Krypta der Kirche ruhen noch heute die Gebeine der Kremser Jesuiten und eines Piaristen. 1784 verbot Kaiser Joseph II. Bestattungen in und neben Kirchen.

1871 übergaben die Piaristen das Gymnasium in Zusammenhang mit der von ihnen abgelehnten Schulgesetzreform dem Staat. Im Kollegiumsgebäude ist die IMC Fachhochschule Krems untergebracht. In den historischen Räumen, wie etwa dem ehemaligen Refektorium, dem Speisesaal des Klosters, wird gelernt und gelehrt. Die Räume mussten aber sowohl an den modernen Studienbetrieb als auch an die wachsende Studentenzahl angepasst werden. So wurden auch in die ehemaligen Weinkeller des Klosters Hörsäle integriert.
Die Keller wurden in Zusammenarbeit der Fachhochschule, des Landes Niederösterreich und des Piaristenordens revitalisiert. In den hohen Gewölben wurden, getrennt durch Glaswände, Hörsäle errichtet. Die Cafeteria für die Studenten wurde originalgetreu in der ehemaligen Klosterküche errichtet.

Wien-Maria Treu

1625 waren die Bemühungen gescheitert, die Piaristen nach Wien zu holen. Erst 1673, also nach den Gründungen in Nikolsburg und Horn, wurde ein neuer Anlauf genommen. Der große Zeitabstand erklärt sich auch durch die Suspendierung des Ordens zwischen 1646 und 1669. Die Berufung wurde vom Bischof und vom Bürgermeister abgelehnt. 1681 erging ein Brief an Kaiser Leopold I. mit der Bitte, ein Kollegium eröffnen zu dürfen. Nach negativen Gutachten der Jesuiten, Benediktiner und Franziskaner wurde die Bitte abgelehnt.

1695 wurde P. Placidus a. S. Bernardo, Rektor in Horn, von P. General Joannes Franciscus a S. Petro zum Commisarius ernannt und erhielt den Auftrag, den Orden in Wien zu etablieren. Noch im selben Jahr schrieb er eine Bittschrift an Kaiser Leopold I. Es gab auch bereits ein konkretes Projekt: das Armenhaus in der Vorstadt, die heute der 9. Wiener Bezirk ist, wollten die Piaristen kaufen und in eine Schule umwandeln. Dagegen gab es Einsprüche von Klöstern, die in diesem Gebiet Pfarrkirchen und Eigentum besaßen. In dieser Situation überlegte P. Placidus andere Möglichkeiten und schrieb an den Magistrat der Stadt Wien. P. Placidus erwähnt zu Beginn das Gesuch an Kaiser Leopold I., das grundsätzlich wohlwollend aufgenommen worden war. Er weist darauf hin, dass die Piaristen aufgrund ihrer Constitutiones keine Spenden sammeln dürfen und dass ihre Institutionen dem Wohl der Jugend dienten, die in Lesen, Schreiben, Rechnen und christlicher Lehre unterrichtet würden. Dennoch sei ihre Absicht, das erwähnte Armenhaus zu kaufen, verhindert worden. Nun gebe es die Möglichkeit, im heutigen 3. Bezirk („unter den Weißgerbern“) ein Haus zu erwerben. Dort gebe es in der Nachbarschaft keine Klöster. (Infolge der Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 waren die Vorstädte weitgehend zerstört.) Nochmals weist P. Placidus darauf hin, dass die Kosten für Bau oder Umbau und Betrieb der Schule ausschließlich aus eigenen Mitteln, vor allem Erbschaften, bestritten würden. Sollte auch dieser Platz nicht zur Verfügung stehen, bittet P. Placidus den Magistrat, einen anderen zu nennen. Der Brief ist im Archiv der Ordenszentrale in San Pantaleo in Rom.

Aber auch dieses Projekt schlug fehl. 1697 kauften die Piaristen von Marquis de Malaspina das Grundstück in der Josefstadt, dem heutigen achten Bezirk, auf dem 1698 mit dem Bau des Kollegiums Maria Treu begonnen wurde. Kaiser Leopold I. war persönlich mit einem Teil seiner Familie bei der Grundsteinlegung anwesend. Die Volksschule wurde 1701 mit drei deutschen und zwei lateinischen Klassen eröffnet. In fünf Räumen wurden damals 453 Schüler unterrichtet. Das Gymnasium wurde 1870 dem Staat übergeben: „Denn in der sog. „liberalen Ära“, von etwa 1866 bis 1879, waren die Ansprüche an die Schulen ganz allgemein gestiegen: die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte, die auch einen wirtschaftlichen Boom zur Folge hatten, brauchten sehr viele Fachkräfte und Akademiker. Das wirkte natürlich auf die Gymnasien zurück, deren Fächerkanon verbreitert wurde. So wurde es notwendig mehr Lehrer einzustellen, die auch eine Lehramtsprüfung vorweisen mussten, was aber noch nicht bei allen Ordensgeistlichen der Fall war. Außerdem sollte die Schule mit modernem wissenschaftlichem Lehrmaterial ausgestattet werden. Das alles ging zu Lasten des Ordens und verschlang mehr Geld, als die Piaristen, die wegen der vielen armen Schüler nur wenig an Schulgeld einnahmen, aufbringen konnten. Als auf Grund einiger Vorkommnisse der Staat direkte Kontrolle auf unsere Schule ausüben wollte, wurde das Gymnasium im Einvernehmen mit dem Orden 1870 zu einem „Staatsgymnasium“, für dessen Erhaltung jetzt Österreich-Ungarn aufkommen musste. Immer weniger Ordensleute wirkten als Lehrkräfte in unserer Schule, heute sind überhaupt keine Geistlichen hier beschäftigt. (http://www.bg8.at/inhalt/die-geschichte-des-piaristengymnasiums)

Auf die Geschichte des Piaristengymnasiums in der Josefstadt weist noch heute das barocke Eingangsportal hin. Darüber ist, eingerahmt von zwei Engeln, der Grundsatz des Ordensgründers Josef Calasanz zu lesen: „Pietati et litteris“ (zu ergänzen: „gewidmet“, daher Dativ).

Mit dem Gymnasium eng verbunden muss das Löwenburgische Konvikt gesehen werden. Dieses ging auf eine Stiftung von Graf Löwenburg aus dem Jahr 1731 zurück, der sein Vermögen dem Piaristenorden mit der Auflage vererbte, ein Internat für adelige Knaben aus Österreich und Ungarn zu errichten:  „Auf einem den Piaristen gehörenden Gartengrunde wurde an der anderen Seite ihres Collegiums ein eigenes Gebäude für die Stiftlinge aufgeführt und der Eingang mit einer Inschrift bezeichnet. Die Herstellung dieses Gebäudes kostete aber so viel, daß es bis 4. April 1748 leer stand. An diesem Tage wurde die Stiftung mit vier Stiftlingen angefangen. Das jährlich ersparte Interesse mußte wieder fruchtbringend angelegt werden, und es wurde besonders bewilligt, daß die Piaristen in den noch leeren Theil des Gebäudes adelige, oder auch andere, diesen gleich gehaltene Knaben, gegen angemessene Zahlung in Kost nehmen durften. Diese Kostkinder vermehrten sich dergestalt, daß schon im J. 1749 eigene Professoren im Convicte nöthig waren, und man von dem Ersparten das Gebäude sogar verbessern konnte…. Von 1765 bis 1768 wurde das Convicts-Gebäude bis an die Kirche, so wie es jetzt steht, auf Kosten der Piaristen sammt einem Krankenhause ausgebaut.“ (Curiositäten- und memorabilien-lexicon von Wien, Gerhard Robert Walther von Coeckelberghe-Dützele, 1846)

Unter Maria Theresia und ihrem Nachfolger Kaiser Joseph II. gab es ein kompliziertes Hin und Her zwischen Löwenburgischem Konvikt und Theresianum, das erst 1801 unter Kaiser Franz II. endete, als die Piaristen wieder die ursprünglichen Stiftungen zugewiesen bekamen. Es gab auch bürgerliche Schüler. So meldete Wolfgang A. Mozart seinen Sohn Carl im Löwenburgischen Konvikt an, wo er nach dem Tod seines Vaters ein Jahr lang das Internat und das Gymnasium besuchte.

Die Kirche Maria Treu beherrscht mit ihrer doppeltürmigen Fassade den Platz, der links und rechts von Volksschule, bzw. Gymnasium und ehemaligem Löwenburgischen Konvikt begrenzt wird. Nach der Grundsteinlegung durch Kaiser Leopold I. am 2. September 1698 wurde zunächst die so genannte Schmerzenskapelle errichtet und nach einem Jahr Bauzeit eingeweiht. Gleichzeitig wurde am Kollegium und der Schule gebaut. 1716 wurde der Grundstein zur Kirche Maria Treu gelegt. 1721 war der Rohbau nach Plänen von Johann Lukas von Hildebrandt fertiggestellt. 1751 bis 1753 wurde die Kirche eingewölbt. Die Deckenfresken gelten als Meisterwerk von Franz Anton Maulbertsch.

Bereits am 18. Dezember 1719 wurde der damalige Rektor des Kollegiums vom Wiener Erzbischof als erster Pfarrer der neugegründeten Pfarre Maria Treu in sein Amt eingeführt. Maria Treu ist die älteste Piaristenpfarre der Welt; die Pietas des Ordensmottos wurde und wird in Form der Seelsorge neben der Hauptaufgabe, der Litterae, der Ausbildung der Jugend, umgesetzt.

Wien-St. Thekla

Die Schule in Maria Treu entwickelt sich so erfolgreich, dass der Orden bald an die Gründung weiterer Schulen in Wien dachte. 1751 wurde die Errichtung einer „deutschen und keiner Latein-Schule… für Kinder mittelloser Eltern“ in der Vorstadt Wieden genehmigt. Ein Grundstück wurde gekauft und der Baumeister Matthias Gerl (1712 – 1765) mit Planung und Ausführung beauftragt. Errichtet wurden ein Kollegium als Wohnstätte der Patres und Ausbildungsstätte der Novizen, eine Schule und die Kirche, der hl. Thekla geweiht. Der Schulbetrieb wurde am 4. November 1756 mit 300 Knaben aufgenommen. Schon vorher, am 1. Oktober 1755, übersiedelten Patres und Novizen aus Maria Treu und Horn „nachdem der Bau dieses neuen Probationshauses zu. St. Thekla soweit vollendet war, dass es als Wohnort der Religiosi bequem bewohnt werden konnte, obgleich nur die Kirche unter dem Dachnoch fast zur Gänze zu vollenden wäre, und die Mauern der Schule noch im Bau waren“.

Die Piaristen waren in hohem Maß von Spenden in Form von Stiftungen abhängig, da sie im Gegensatz zu anderen Orden keine Einkünfte aus Haus- und Grundbesitz hatten. Die Porträts der großzügigsten Stifter, des Gastwirtsehepaars Pfister (Zum blechernen Turm) hängen heute noch im Refektorium, dem alten Speisesaal des Kollegiums. Besonders hart wurden die Piaristen von den Reformen Kaiser Josephs II. getroffen. Das Noviziat wurde nach Krems verlegt, das Kollegium Maria Treu unterstellt und erst 1806 wieder selbständig. Um Einkünfte zu beschaffen, wurden Teile des Kollegiums vermietet, z. B. an eine Uhrenmanufaktur oder das k.k. Militär. In den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts verbesserten sich unter Rektor Holzermayer die Finanzen, sodass umfangreiche Renovierungsarbeiten an Kirche und Kollegium vorgenommen werden konnten. Die Kosten wurden durch Spenden aus der Bevölkerung aufgebracht. Als 30 Jahre später wieder Geldnot herrschte, verkaufte der Orden einen Großteil des Gartens an die Gemeinde Wien. Diese parzellierte den Grund, und so entstanden die heutige Phorus- und Leidenfrostgasse.

Die Schule St. Thekla erlebte ein wechselvolles Schicksal. Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten mehr als tausend Schüler die vierklassige Hauptschule und dreiklassige Realschule. Aber das Schulgesetz von 1870 wirkte sich katastrophal für den Orden aus. Es sah eine staatliche Prüfung für alle Lehrer vor, aber viele Patres waren nur ordensintern ausgebildet. Fast die Hälfte verließ den Orden. Die Hauptschule wurde von der Gemeinde Wien übernommen und in die Phorusgasse verlegt (heute Volksschule der Stadt Wien). In die frei gewordenen Räume zog das Elisabethgymnasium ein, das 1894 in das neue Gebäude in der Rainergasse übersiedelte. Vier Jahre später wurde wieder eine Volksschule in St. Thekla eröffnet, die aber von den Schulbrüdern geführt wurde, weil es nicht genug Piaristen gab. 1938 wurde diese Schule so wie alle katholischen Privatschulen von den Nationalsozialisten geschlossen. Erst 1954 wurde die heutige Piaristenvolksschule mit 59 Schülern in zwei Klassen, zwei Lehrern und einem Erzieher für das Halbinternat wieder eröffnet.

Die Schließung der Schule durch die nationalsozialistischen Behörden konnte nicht verhindert werden, aber der Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer konnte der Auflösung des Kollegiums zuvorkommen, indem er St. Thekla mit 1. Jänner 1939 zur Pfarre erhob. Das Pfarrgebiet wurde von St. Florian abgetrennt. Nach dem Krieg wurde es durch die ebenfalls aus Schutzgründen geschaffene Pfarre Gartengasse und um einen Teil der Pfarre St. Elisabeth erweitert. Seit 1. Jänner 2017 ist die Gemeinde St. Thekla gemeinsam mit St. Florian, Wieden-Paulaner und St. Elisabeth Teil der Pfarre Zur Frohen Botschaft.

St. Thekla – Pfarrgeschichte

Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer erhob St. Thekla mit 1. Jänner 1939 zur Pfarre, um die Auflösung des Piaristenkollegiums durch das NS-Regime zu verhindern. St. Florian musste dafür einen Teil seines Pfarrgebiets abgeben. In den letzten Kriegstagen 1945 wurden Kirche und Kollegium durch Artillerietreffer schwer beschädigt. In den schwierigen Jahren des Wiederaufbaus entwickelte sich eine Pfarrgemeinde. Spenden ermöglichten es, neue Glocken anzuschaffen – die alten waren eingeschmolzen worden. Der Pfarrer der ersten Jahre, P. Raimund Edelmann übergab 1949 das Amt an seinen Kaplan P. Johannes Schmid (1915 – 1995), der bis 1987 die Pfarre leitete. Umfangreiche Renovierungen der barocken Gebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts an den Fassaden und im Inneren von Kirche und Kapelle, Kollegium und Schule,  wurden in den Jahren nach 1953 durchgeführt und zu einem Teil aus Spenden der Pfarrgemeinde finanziert.

1987 wurde P. Pius Platz, geboren 1935 in Barcelona, Kaplan in St. Thekla seit 1973, Pfarrer. Auch in seine Amtszeit fallen zahlreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten an Kirche, Pfarrräumlichkeiten und Schule.

Seit 1. Jänner 2017 ist St. Thekla als Pfarrgemeinde Teil der Pfarre zur Frohen Botschaft, zusammen mit St. Elisabeth, St. Florian und Wieden-Paulaner. Vielfältige Angebote richten sich an Erwachsene und speziell auch an Kinder und Jugendliche (Jungschar, Pfadfindergruppe, Ministranten, Kinderwortgottesdienste, Martinsfeier, Kindermette, Kinderauferstehungsmesse).

Roland Machatschke