Brief eines Bischofs aus Florida, USA, an Präsident Bush
Sehr geerhter Herr Präsident!
Sagen Sie dem Volk die Wahrheit über den Terrorismus. Die Wahrheit ist, das keine unserer Tausenden Atomwaffen uns vor dieser Bedrohung schützen kann, auch nicht der ,,Krieg der Sterne". Nicht eine einzige Waffe aus unserem riesigen Arsenal, noch ein Zehnt von den 270 Milliarden Dollar (ja genau, 270 Milliarden Dollar), die wir jährlich für unser sogenanntes "Verteidigungs-system " ausgeben, kann die Bombe eines Terroristen aufhalten.
Als pensionierter Oberstleutnant und häufiger Vortragender in Sachen nationale Sicherheit zitiere ich immer den Psalm 33: "Ein König ist nicht sicher durch sein mächtiges Heer, noch ist ein Krieger sicher durch seine große Kraft". Herr Präsident, Sie haben gesagt, wir sind Ziel des Terrariums, weil wir die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte in der Welt verteidigen. Wie absurd, Herr Präsident!
Wir sind Ziel des Terrors, weil unsere Regierung in den meisten Teilen der Welt die Diktatur, die Sklaverei und die Ausbeutung der Menschen verteidigt hat. Wir werden gehasst, weil unsere Regierung Hassenswertes getan hat. In wie vielen Ländern haben Agenten unserer Regierung vom Volk gewählte Politiker abgesetzt und sich durch Militärdiktatoren ersetzt, Marionetten, die bereit sind, ihr eigenes Volk an nordamerikanische Multis zu verkaufen? Wir haben das im Iran getan, als die Marines und die CIA Mossadegb gestürzt haben, weil er die Absicht hatte, das Erdöl zu verstaatlichen. Und wir haben ihn durch Shah Reza Pahlevi ersetzt und seine verhasste Nationalgarde SAVAK bewaffnet, trainiert und bezahlt, die das iranische Volks versklavt und erniedrigt hat, um die finanziellen Interessen unserer Erdölgesellschaften zu schützen. Sollte es nach all dem schwer sein, sich vorzustellen, das es im Iran Menschen gibt, die uns hassen?
Dasselbe haben wir in Chile gemacht, auch in Vietnam, und jetzt versuchen wir es im Irak. Und wie oft haben wir genau das auch in Nicaragua und anderen Republiken Lateinamerikas gemacht? In jedem Land hat unsere Regierung die Demokratie behindert, die Freiheit erstickt und die Menschen- rechte mit Füßen getreten. Deshalb sind wir in der ganzen Welt verhaßt. Darum sind wir das Ziel der Terroristen.
Das Volk von Kanada genießt Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. ebenso wie das Volk von Norwegen und Schweden. Haben Sie je davon gehört, dass die Botschaften von Kanada, Norwegen oder Schweden bombardiert worden sind?
Wir werden nicht gehasst, weil wir Demokratie, Freiheit und Menschen- rechte praktizieren. Wir werden gehasst, weil unsere Regierung diese Werte den Völkern der Dritten Welt verweigert, deren Bodenschätze bei unseren multinationalen Konzernen begehrt sind. Dieser Hass, den wir gesät haben, hat sich gegen uns gerichtet und warnt uns durch den Terror, der später ein- mal atomarer Terror sein wird. Wir müssen unsere Gewohnheiten andern. Entledigen wir uns der Atomwaffen (einseitig, wenn es notwendig ist) und unsere Sicherheit wird sich erhöhen. Wenn wir unsere Augenpolitik drastisch verändern, werden wir fair unsere innere Sicherheit sorgen.
Anstatt unsere Söhne und Töchter in die ganze Welt zu schicken, damit sie Araber töten (und oft genug, um selbst dabei zu sterben), um uns das Erdöl anzueignen, das unter ihrem Sand verborgen liegt, sollten wir sie hinaus- schicken, damit sie dort die Infrastruktur aufbauen, sie mit sauberem Wasser versorgen und ihren Kindern, die an Hunger sterben, Nahrungsmittel zu bringen.
Anstatt Aufstände, unstabile Verhältnisse, Mord und Terror rund um die Welt zu fördern, sollten wir die CIA abschaffen und das Geld, das sie braucht, Hilfsorganisationen geben. Kurz gesagt: Anstatt böse zu sein, sollten wir gut sein; und wenn wir es wären, wer hätte Grund, uns zu hassen? Wer hätte ein Motiv, uns Bomben zu schicken?
Das ist die Wahrheit, Herr Präsident. Das ist es, was das Volk von Nordamerika hören sollte.
(Robert Bowan ist in Vietnam 1 01 Kampfeinsätze geflogen. Jetzt ist er
Bischof der United Catholic Church in Melbourne Beach, Florida).
Original veröffentlicht in The National Catholic Reporter, Oct. 2, 1998. Der Text stammt aus einer Predigt von Robert Bowan über das Thema Terrorismus